27. November 2025 | Aktuell Allgemein Einblick News

Israel – eine Reise, die Herz und Augen öffnet

27. November 2025

Was wird mich erwarten?

Es ist Sonntag, der 26. Oktober, 05:54 Uhr und der ICE vom Hamburger Hauptbahnhof nach München startet pünktlich. Ich verstaue mein Gepäck und lasse mich in meinen Sitz fallen. Etwas angespannt und nervös greife ich nach meinem Thermobecher mit Kaffee. Meine Gedanken schweifen auf das, was vor mir liegt: Israel.

Was wird mich erwarten? Wie ist das Land, die Atmosphäre, wie sind die Leute? Inwieweit werden wir etwas vom Kriegsgeschehen im Gaza mitbekommen? Wie wird die Gruppe sein?

18 Teilnehmende und ein 8-tägiges, abwechslungsreiches, volles Programm – so viel weiß ich schon mal. Eingeladen wurden wir vom Israelischen Tourismusministerium, das diese Reise in Zusammenarbeit mit der Israelischen Botschaft für Vertreterinnen und Vertreter aus Freikirchen und evangelikalen Gemeinden organisiert hat. Das Ziel: zu zeigen, dass man Israel nach dem 7. Oktober 2023 wieder sicher bereisen kann, sodass Gemeinden wieder Reisen nach Israel planen und durchführen.

Doch bevor ihr in den Flieger nach Tel Aviv steigt, möchte ich euch an meinen Erlebnissen teilhaben lassen. Mit meiner Reisegruppe hatte ich Gelegenheit, ganz unterschiedliche, wundervolle Israelis kennenzulernen, die uns sehr bewegende Einblicke in ihr Leben sowie in die Ereignisse rund um den 7. Oktober 2023 gegeben haben.

Vollständiger Reisebericht - Lesezeit: 6 Minuten

Überlebt durch Eingebung

Unseren ersten interessanten Kontakt hatten wir im HaYarkon Park in Tel Aviv mit dem israelischen Graffiti-Künstler Benzi Brofman. Bei dem sehr abwechslungsreichen Workshop mit ihm – in dem sich natürlich jede und jeder von uns zu einem großen Künstler entpuppte – erzählte er uns seine Geschichte. Er war zum Nova Festival eingeladen und gab dort am 6. Oktober 2023 einen Graffiti-Workshop. Doch weil seine Frau Sorgen hatte und ahnte, dass während der Feiertage etwas passieren könnte, reiste Benzi trotz Müdigkeit noch am selben Tag ab. „Zusammengefasst,“, sagte er, „meine Frau rettete mir das Leben.“

Er tut Wunder

Am Nachmittag trafen wir uns in einem der obersten Stockwerke eines Hochhauses in Tel Aviv – mit atemberaubendem Ausblick über die Stadt – mit Avi. Er ist Gründer der messianisch-jüdischen Gemeinde dort.

Er stellte sich mit Psalm 121, 4 vor: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Und er bezeugte: „Er tut Wunder, über Wunder.“

Dann nahm er uns mit in seine eigene Geschichte – wie er zu Jesus fand und was viele Juden über Kirche und Christen denken. Als junger Mann, er war auf dem Weg nach Las Vegas, besuchte er seine Schwester in Florida. Sie nahm ihn mit in ihre Kirche. Die Kurzfassung: Avi war bis heute nie in Las Vegas, aber sechs Monate später bekehrt, gerettet und verheiratet. Das war vor 41 Jahren.

Mit einem Stipendium besuchte er zwei Jahre lang eine Bibelschule in den USA. Vor 38 Jahren gründete er in Tel Aviv das Gebetshaus, vor 30 Jahren die Adonai-Roi-Gemeinde (www.dugit.org).

Besonders bewegte mich seine Aussage: „Seit dem 7.Oktober sind die Menschen offener für das Evangelium geworden.“ Avi berichtete, wie aktiv sie als Gemeinde in den sozialen Medien das Evangelium auf Hebräisch verkünden und wie die Nachfrage nach Neuen Testamenten auf Hebräisch stetig steigt: „Wir brauchen mehr Arbeiter. Wir sind in die prophetische Endzeit eingetreten.“ Seine klassische Erklärung dazu: „Christen beten für Israel.“

Der Platz des Nova-Festivals – ein Feld der Trauer

Tief berührte mich der Besuch des Platzes des Nova Festivals. 378 junge Menschen verloren hier am 7. Oktober 2023 durch den Angriff der Hamas ihr Leben – brutal, unerwartet, grausam. Die vielen fröhlichen Gesichter, der meist jungen Menschen auf den Gedenktafeln, ihre viel zu kurzen, von Träumen erfüllten Lebensgeschichten und das Meer aus keramischen roten Anemonen, kunstvoll zu einem großen Stern gesteckt, ließen mich immer wieder innerlich ins Gebet gehen.

An dem Plakat von Alex Lubanov blieb ich mit vier Personen unserer Gruppe stehen. Wir beteten für seine Eltern, denen es sehr schlecht geht. Eine Freundin aus meiner Gemeinde, die regelmäßig in Israel ist und mit vielen betroffenen Familien in Kontakt steht, brachte von einer ihrer Reisen eine „Bring Them Home“-Karte von ihm mit. Alex Lobanov war 33 Jahre alt, Bar-Manager beim Nova Festival und wurde als eine von 44 Geiseln des Festivals entführt. Fast ein Jahr überlebte er die extremen Bedingungen, bis er Ende August 2024 vom Hamas‑Führer Yahya Sinwar persönlich mit fünf weiteren Geiseln erschossen wurde – kurz bevor die IDF sie erreichen konnte.

Angesichts all des Leids ging ich schweigend und in mich gekehrt alleine weiter. Eine tiefe Traurigkeit, die ich in dieser Form noch nicht kannte, legte sich auf mein Herz.

Die rote Anemone

Die rote Anemone (auf Hebräisch „Kalanit“) ist die offizielle Blume Israels. Anemonen blühen im Negev‑Wald bei Re’im im Winter („Roter Süden“). Die Tausenden keramischen Anemonen auf dem Gedenkplatz symbolisieren das vergossene Blut der Opfer des Massakers vom 7. Oktober. Sie legen sich zu einem roten Teppich, dessen Mitte eine Davidstern-Struktur bildet, als Symbol für die gesellschaftliche Einheit. Zugleich stehen sie für Widerstandskraft und Hoffnung – nicht nur als Zeichen der Trauer, sondern auch als Ausdruck eines fortdauernden Lebenswillens.

Nir Oz – ein Ort des unfassbaren Leids

Dieser Tag wurde nicht einfacher für mich. Am Nachmittag trafen wir Roni Kaplan, den spanischsprachigen Pressesprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (Israel Defence Forces, IDF), im Kibbutz Nir Oz. Als Erstes drückte er seinen Dank aus, dass wir hier sind – als Zeugen dessen, was dem israelischen Volk angetan wurde. Kaplan zeigte uns das Tor, durch das die 500 Hamas-Terroristen am frühen Morgen eindrangen. In der Ferne hörten wir Detonationen. Am Horizont lag der Gazastreifen in nur 1,6 Kilometer Entfernung. Ein erdrückendes Gefühl zog sich wie ein schwerer Kloß durch meine Brust. Nir Oz zählt zu den am schwersten betroffenen Orten des Terrorangriffs am 7. Oktober 2023: Von 450 Bewohnern wurden 117 getötet und mehr als 75 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt – unter ihnen auch ein 86-jähriger Holocaustüberlebender. Die IDF traf erst etwa sieben Stunden nach Beginn des Angriffs im Kibbutz ein. „Das größte Versagen der israelischen Armee“, sagte Kaplan. Da war schon alles zu spät.

Dann führet Kaplan unsere Gruppe über das Gelände von Haus zu Haus, erzählte uns viele der bewegenden Geschichten der Menschen, die einst in den bungalowartigen Gebäuden und kleinen Reihenhäusern lebten. Jedes Haus kennt er, ebenso alle Familien beim Namen. Kaplan hatte seit dem 8. Oktober selbst beim Bergen der Leichen geholfen. Wir gingen in die Häuser, besser gesagt in die Ruinen und das, was von ihnen noch übriggeblieben ist. Viele Häuser waren ausgebrannt, alles war schwarz, überall Ruß, Schutt und Dreck, unzählige Glasscherben, eingestürzte Dächer und Stahlträger und überall sahen wir Einschusslöcher in Fenstern und Türen. Auf dem gesamten Gelände Schutthaufen und überall lagen vor den Häusern verkohlte Küchengeräte, Möbel, Fahrräder und Kinderspielzeug herum. Der Anblick war kaum auszuhalten.

Familie Bibas

Nir Oz war auch das Zuhause der Familie Bibas, einigen sicher aus den Medien bekannt. Shiri (32) und Yarden (37) Bibas wurden mit ihren kleinen Kindern Ariel (4 Jahre) und Kfir (9 Monate) als Geiseln verschleppt. Am 1. Februar 2024 wurde Yarden nach unvorstellbar grausamer Zeit in Gefangenschaft freigelassen, seine Frau und die Kinder überlebten nicht.

Mein Hals wurde immer trockener, und ich rang innerlich damit, das Erzählte an diesem realen Ort des Leids auszuhalten. Alles in mir spannte sich an, während ich versuchte, die Schwere dessen zu fassen, was hier geschehen war. Dabei schaute ich mir noch einmal die Fotos der Familie Bibas an und blickte fragend hoch in den Himmel. Die Sonne schien und ihre Strahlen bahnten sich einen Weg durch die Baumkrone. Sie trafen auf das Haus, auf die Trümmer und die Gesichter auf den Plakaten: „Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 5), hörte ich in meinem Herzen.

Nach 2,5 Stunden verabschiedeten wir uns von Roni Kaplan mit gemeinsamem Gebet und Segen für ihn, die Hinterbliebenen und Israel.

Trotz dieses schweren Traumas hat die Gemeinschaft beschlossen, den Kibbutz wiederaufzubauen, und plant neue Wohngebiete als Zeichen der Hoffnung und des Überlebens.

Der Platz der Geiseln

Auch der Platz der Geiseln, den wir an einem anderen Tag besuchten, war für mich ein Ort, an dem das Geschehene des 7. Oktobers spürbar wurde. An diesem Ort wird die Realität greifbar – besonders durch die Uhr, die seit dem Anschlag unaufhörlich die Minuten zählt, seit die Geiseln genommen wurden. Dort trafen wir den Israeli Noam Kalush. Er sagte: „Die Familien können nicht Abschied nehmen. Sie stecken fest, weil sie ihre Angehörigen nicht beerdigen können. Erst wenn die Leichen zurück sind, kann das Leben weitergehen.“ Er selbst hatte den Angriff in seinem Dorf Netiv HaAsara mit seiner Frau und den zwei Kindern überlebt. Sie konnten mit dem Auto rechtzeitig fliehen. Vor ihrem Haus fanden sie neben ihrem Auto einen Gleitschirm. Der Hamas-Kämpfer, der dort landete, entschied sich erst in die andere Richtung zu gehen. Welch eine Bewahrung!

Biblische Orte und stille Momente

Neben all den schwer auszuhaltenden Geschichten und tragischen Orten durfte ich auf meiner Israel-Reise auch kostbare, biblisch bedeutende Plätze entdecken. Immer wieder erlebte ich Momente, in denen ich sehen und spüren konnte, wo Jesus gewirkt hat – etwa während einer Bootstour auf dem stillen, weit ausgebreiteten See Genezareth, die mich tief berührte.

Besonders abenteuerlich war eine Jeep-Tour durch die raue, staubige Weite der Wüste Judäa, in der mich die unmittelbare Nähe zwischen karger Ödnis und überraschend fruchtbaren Landschaften beeindruckte.

Was bleibt

Nun blicke ich zurück auf eine begegnungsreiche Reise, voller Emotionen – Trauer, Verzweiflung und Unverständnis ebenso wie Momenten großer Freude, Erfüllung und Staunen. Ich bin tief dankbar für all diese Erfahrungen und fühle mich nicht nur reich beschenkt, sondern gleichzeitig dem Volk Gottes so viel näher als zuvor.

Vieles in mir wirkt noch nach, und seit dieser Reise bete ich anders für Gottes auserwähltes Volk und für dieses wundervolle Land Israel, in dem Gottes treue Verheißungen und die Sehnsucht nach Frieden so spürbar sind. Ich bin überzeugt: Eine Reise nach Israel verändert Menschen und öffnet Augen – auch die des Herzens.

Am Ende bleibt für mich vor allem eines: Israel ist ein Land, in dem sich die Wunden der Geschichte in Hoffnung verwandeln.

 

Melanie Haase | Leitungsassistenz im Gemeindebüro der Stiftung FeGN

Fotos: Melanie Haase

Praktischer Tipp für Gemeinden

Wenn du und deine Gemeinde erwägst nach Israel zu reisen, empfehle ich dir für die Planung und Reiseleitung vor Ort die Unterstützung von Werner Hartstock (www.israelreise.de/ | info@israelreise.de). Er war Initiator dieser Reise, hat das Land unzählige Male bereist. Er verfügt über einen Erfahrungsschatz aus über 30 Jahren, kennt das Land und hat viele persönliche Kontakte, um auch auf deine Wünsche eingehen zu können. (Nein, ich bekomme keine Provision. 😊)

Die Stiftung Freie evangelische Gemeinde in Norddeutschland (FeGN) umfasst über 40 Gemeinden in vier Bundesländern. Sie ist Teil des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland KdöR sowie Mitglied in den Diakonielandesverbänden Hamburg und Schleswig-Holstein.

Weiterführende Links

kontakt